Das 1×1 der ESG-Investments: Was Anleger wissen wollen und welche Rolle ESG-Ratingagenturen spielen

Investoren bilden eine der wichtigsten Gruppen von Empfängern Ihrer nichtfinanziellen Informationen. Aber wie wenden sie diese Informationen genau an und was bedeutet das für Ihr Unternehmen?

Was ist der Stand bei ESG-Investments?

Das Konzept „ESG Investments“ (aus dem Englischen für Environmental, Social and Governance), also Anlagestrategien bei denen Umwelt-, Sozial- und Governance-Aspekte berücksichtigt werden und auch als „Responsible Investment“ oder „Sustainable Finance“ bezeichnet, wurde erstmals von einer Studie mit dem Titel „Who cares wins“ aus dem Jahr 2005 geprägt. In den letzten drei bis vier Jahren sind ESG-Investments rasant gestiegen und Investoren berücksichtigen zunehmend die ESG-Performance von Unternehmen in ihren Anlagestrategien. Einer Umfrage von Morgan Stanley zufolge ziehen bemerkenswerte 84 Prozent der Anleger die Integration von ESG-Kriterien in ihren Anlageprozess „aktiv in Betracht“. In den letzten Jahren verzeichneten ESG-Investments eine durchschnittliche Wachstumsrate von 11,9 Prozent und der Anteil der europäischen ESG-Investments am insgesamt verwalteten Vermögen beziffert sich derzeit auf 476 Milliarden Euro.

Verschiedene Faktoren tragen dazu bei, dass ESG-Investments die neue Norm werden. In erster Linie ist dies mit der wachsenden Verinnerlichung der Grundsätze von Corporate Responsibility, also der unternehmerischen Verantwortung für gesellschaftliche Themen, verbunden, die eng mit ESG in Beziehung stehen. Unternehmen sind sich zunehmend darüber bewusst, welchen Einfluss das Wahrnehmen der unternehmerischen Verantwortung auf den Markenwert und die Kundenwahrnehmung hat, was sich wiederum auf die Finanzwerte des Unternehmens auswirkt.

Zudem war man früher der Meinung, dass ESG-Investments geringere Renditen als konventionelle Anlagestrategien erzielen. Aktuelle Studien zeigen jedoch, dass Investitionen in nachhaltige Vermögenswerte tatsächlich gleichermaßen rentabel sind. Dies hat die Hürden für Investoren verringert, ESG in ihre Anlagestrategie zu integrieren.

Darüber hinaus steigen die gesetzlichen Anforderungen an die Berichterstattung für ESG-Informationen. Ein Beispiel dafür ist die kürzliche Einführung der europäischen Richtlinie zur nichtfinanziellen Berichterstattung, in Deutschland als CSR-RUG umgesetzt, die große, kapitalmarktorientierte Unternehmen zur Veröffentlichung nichtfinanzieller Informationen verpflichtet. Dies hat in Kombination mit verbesserten Datenmanagementsystemen zu einer zunehmenden Verfügbarkeit, Qualität und Vergleichbarkeit von Daten für ESG-Investments geführt.

Inzwischen ist sogar eine weitere Vorschrift auf dem Weg. Um ESG-Investments zu professionalisieren, arbeitet die EU an einem Gesetzespaket zur nachhaltigen Finanzierung. Diese beinhaltet eine Taxonomie zur Klassifizierung von ESG-Investments. Darüber hinaus umfasst es Anforderungen an Unternehmen, Nachweise über Aussagen zu erbringen, die sie in Bezug auf die ESG-Performance ihrer Finanzprodukte machen. Diese Maßnahmen werden nicht nur die Transparenz erhöhen, sondern auch einen einheitlichen Ansatz für ESG-Investments schaffen. Eine Gesetzgebung zu nachhaltigen Finanzierungen findet man zudem bereits in anderen Ländern. Beispiele hierfür sind Großbritannien und China , wobei letztere in diesem Bereich sogar eine Vorreiterrolle eingenommen haben. Auch die Bundesregierung will Deutschland zu einem der führenden Sustainable-Finance-Standorte ausbauen. Wir gehen stark davon aus, dass sich dieser Trend in den kommenden Jahren weiter beschleunigen wird.

Welche Informationen verwenden Investoren?

Abhängig von den jeweiligen Zielen und Erwartungen hat jeder Investor seine eigene Anlagepolitik, wenn es darum geht, anhand von ESG-Kriterien zu investieren. Auf der einen Seite wenden einige Anleger zum Beispiel ein „negatives Screening“ an, was bestimmte Branchen ausschließt (z.B. Waffen oder Tabak). Auf der anderen Seite gibt es Anleger, die ein sogenanntes „Impact Investing“ verfolgen: bei diesem soll die Anlage sowohl eine finanzielle Rendite erzielen und zudem auch eine positive und messbare Auswirkung auf Gesellschaft und Umwelt haben. Unabhängig von der ESG-Strategie benötigt ein Anleger jedoch präzise und vergleichbare Daten, um auf dieser Basis qualifizierte Entscheidungen treffen und umsetzen zu können. ESG-Ratings bieten vor allem für Investoren, die wenig Erfahrung mit ESG-Investments haben, eine erste Informationsgrundlage und werden häufig zur Weiterbildung herangezogen.

So wie die Zahl der ESG-Investoren in den letzten Jahren gewachsen ist, hat auch die Vielfalt an ESG-Datenanbietern und Ratingagenturen zugenommen (eine Übersicht finden Sie unten im Text). Dazu gehören Unternehmen wie Bloomberg, MSCI und Sustainalytics, die ESG-Daten auf Informationsplattformen analysieren, konsolidieren und präsentieren. Die Quellen dieser Daten umfassen Medienartikel, Branchenberichte, Jahresberichte und Selbstauskünfte durch Fragebögen, sowie teilweise Expertengespräche mit den bewerteten Unternehmen. Diese Plattformen bieten interessierten Anlegern Daten zu den Ratings, Wettbewerbs-Benchmarks und Risikoanalysen. Ein Unternehmen, das eine hohe Bewertung der ESG-Performance in den entsprechenden Ratings dieser Datenanbieter erzielt, kann aus Sicht der Assessments als ein „nachhaltiger Vermögenswert“ betrachtet werden.

Aufgrund der unterschiedlichen Informationen, die von Anlegern erfragt werden, können wir grundsätzlich zwei Arten von Anlegern unterscheiden: passive und aktive Anleger. Aktive Anleger verwenden mehrere Datenquellen und führen ihre eigenen Analysen durch und verlassen sich somit nicht nur auf Daten von Drittanbietern. Im Gegensatz dazu gehen passive Anleger meist nicht so weit und sind mit ESG-Daten von Drittanbietern zufrieden. Dies bedeutet, dass ein einzelnes ESG-Rating bestimmen kann, ob sie in ein Unternehmen investieren oder nicht. Passives Investmentmanagement scheint weltweit an Popularität zu gewinnen, da der Zeit- und Kostenaufwand geringer ist. Der Anteil von passiv verwalteten Fonds stieg von 16 Prozent im Jahr 2010 auf 27 Prozent in 2017.

Quelle: Responsible Investing – Guide to ESG Data Providers and Relevant Trends (Douglas et al., 2017)

Würden Sie eine negative ESG-Bewertung riskieren?

Wir haben darüber gesprochen, was ESG-Investments sind und wie sie funktionieren, aber wie wirken sie sich auf Ihr Unternehmen aus? Grundsätzlich kann man sagen, dass Investoren ESG-Ratings verwenden, um zu bestimmen, wie zukunftsfähig ein Unternehmen ist.

Nehmen wir ein Beispiel. Angenommen Ihr Unternehmen erhält ein schlechtes Rating von einem ESG-Datenanbieter, beispielsweise von Sustainalytics. Dies wird voraussichtlich mehrere Auswirkungen haben:

Verwendet ein passiver Anleger dieses Rating, kann es zunächst dazu führen, dass Ihr Unternehmen aus dem Anlageportfolio ausgeschlossen wird, da es als ein „nicht nachhaltiger Vermögenswert“ eingeschätzt wird. Wenn mehrere Anleger dasselbe tun, kann dies Ihren Aktienkurs negativ beeinflussen.

Außerdem versuchen Anleger stets das Risiko zu minimieren und die Rendite zu maximieren. Für einen ESG-Anleger könnte Ihr niedriges ESG-Rating auf ein höheres Risiko hinweisen, da es die Vermutung gibt, Ihr Unternehmen hätte bestimmte ESG-Aspekte nicht unter Kontrolle. Ein berühmtes Beispiel dafür ist in der Automobilindustrie zu finden. Monate vor dem eigentlichen Dieselskandal im September 2015 äußerten Sustainalytics und MSCI bereits Bedenken hinsichtlich der Unabhängigkeit der Governance-Struktur von Volkswagen, was zu einem niedrigeren ESG-Rating führte.

Darüber hinaus vergrößern sich die Auswirkungen einer negativen öffentlichen Berichterstattung in der heutigen zunehmend vernetzten Welt, in der Nachrichten (insbesondere die schlechten) weiter und schneller reisen als je zuvor. Da das Ansehen Ihres Unternehmens eng mit seinem immateriellen Markenwert verbunden ist, kann ein schlechtes ESG-Rating als ein hohes Risiko für Ihre Reputation wahrgenommen werden. Dies kann wiederum auf ein höheres Risiko für einen sinkenden immateriellen Wert des Unternehmens hinweisen. Da der immaterielle Wert einen großen Posten in der Bilanz eines Unternehmens darstellen kann (bei Anheuser-Busch InBev beträgt der immateriellen Wert bspw. $187 Milliarden), werden Investoren von diesem ESG-bedingten Risiko nicht gerade begeistert sein. Auch die neusten Entwicklungen zeigen, dass immaterielle Risiken (z.B. durch klimabedingte Umweltauswirkung auf die Agrarwirtschaft) deutlich mehr Aufmerksamkeit erhalten, wie in den Berichtsanforderungen der TCFD, CDP oder dem CSR-RUG. Die Wahrnehmung eines höheren Risikos kann Anleger daher davon abhalten, in die Aktien Ihres Unternehmens zu investieren.

Was kann in (der näheren) Zukunft erwartet werden?

Wir erwarten, dass angesichts des beeindruckenden Anstiegs der ESG-Investments in den letzten Jahren sowie aufgrund der regulatorischen Entwicklungen die Bedeutung von ESG-Daten und Ratings in der Zukunft weiter zunehmen wird.

Jedoch wäre es sowohl für berichterstattende Unternehmen als auch für Investoren vorteilhaft, wenn ESG-Datenanbieter einen einheitlichen Ansatz entwickeln würden, der weitestgehend übernommen und überprüft werden kann. In der Zwischenzeit sollten die veröffentlichten Bewertungen und die zugrundeliegenden Methoden kritisch betrachtet werden. Ein einzelner Datenpunkt oder ein einzelnes ESG-Rating spiegelt möglicherweise nicht zwangsläufig die gesamte Realität wider. Wenn zum Beispiel die Natur der Geschäftstätigkeit eines Unternehmens nicht berücksichtigt wird, kann ein Hersteller von Atomwaffen als „nachhaltig“ bewertet werden, weil es einen geringen Wasserverbrauch und einen hohen Diversitätsanteil der Belegschaft hat. Hier wird hoffentlich die oben angesprochene europäische Taxonomie Anhaltspunkte bieten und die zunehmende Ausrichtung von ESG-Ratings auf Sektor-spezifische Faktoren ihren Beitrag leisten.

Alles in allem können Sie sicher sein, dass die nichtfinanziellen Informationen Ihres Unternehmens von Datenanbietern und (indirekt) von (institutionellen) Anlegern gelesen werden. Durch eine gesteigerte Qualität und Zuverlässigkeit Ihrer nicht-finanziellen Daten sowie eines verbesserten ESG-Rating wird Ihr Unternehmen ein höheres Ansehen für Anleger auf dem wachsenden Markt der ESG-Investments gewinnen.

Wollen Sie mehr zur Professionalisierung Ihrer nichtfinanziellen Datenqualität erfahren, haben wir die wichtigsten Schritte in einem weiteren Blog zu diesem Thema zusammengefasst.