Menschenrechte im Fokus – Ist Ihr Unternehmen für die Zukunft gewappnet?

Globale Lieferketten haben ein Problem: Sie sind komplex, undurchsichtig und die Gefährdung der Menschenrechte ist ein präsentes Thema. Ob als Form der modernen Sklaverei in westlichen Ländern oder Zwangs- und Kinderarbeit bei der Gewinnung von Konfliktmineralien in Non-OECD Staaten: Missstände in der globalen Lieferkette von Unternehmen geraten seit einigen Jahren immer wieder in die Schlagzeilen. Mit Folgen: nachdem die Zivilgesellschaft bereits seit langem Druck auf die Industrie ausübt, zieht die Politik mit dem „Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte“ (NAP) nach. Höchste Zeit für global agierende Unternehmen, die eigene Lage zu prüfen – und sich nachhaltig für die Zukunft aufzustellen.

Die Wirtschaft ist in Aufruhr. Von einem Plan, der „die Existenz gefährdet“, spricht der Branchenverband textil+mode. Die Bundesvereinigung der Arbeitgeber bezeichnet das Vorhaben gar als „faktische Unmöglichkeit“ und „absurd“. Der Auslöser der heftigen Kritik von Seiten der Industrie ist ein Vorhaben der Bundesregierung, welches NGOs seit langem fordern: ein Gesetz, das die strikte Einhaltung der Menschenrechte entlang der Lieferkette vorschreibt. Doch bevor es dazu kommt, will die Bundesregierung der Wirtschaft die Möglichkeit geben, mit freiwilligen Selbstverpflichtungen ein Gesetz abzuwenden.

Dazu müssen bis 2020 mindestens die Hälfte aller in Deutschland ansässigen Unternehmen mit über 500 Beschäftigten die Kernelemente menschenrechtlicher Sorgfaltspflicht in ihre Unternehmensprozesse integriert haben. Diese Kernelemente sind an die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte angelehnt und umfassen

• Eine Grundsatzerklärung zur Achtung der Menschenrechte,
• Verfahren zur Ermittlung tatsächlicher und potenziell nachteiliger Auswirkungen auf die Menschenrechte,
• Maßnahmen zur Abwendung potenziell negativer Auswirkungen und Überprüfung der Wirksamkeit dieser Maßnahmen,
• eine Berichterstattung und
• einen Beschwerdemechanismus.

Sollte die Wirtschaft die Quote bis nächstes Jahr nicht erfüllen, wird die Regierung national gesetzlich tätig. Zusätzlich plant die Bundesregierung, die EU-Ratspräsidentschaft ab der zweiten Jahreshälfte 2020 für eine EU-weite Regelung zu nutzen. Um den derzeitigen Umsetzungsstand des NAP zu überprüfen, wird derzeit ein Monitoring mit einer repräsentativen Stichprobe bei ca. 1.800 Unternehmen durchgeführt.

Nachhaltiges Lieferkettenmanagement und die menschenrechtliche Sorgfaltspflicht als unabdingbare Elemente der verantwortungsvollen Unternehmensführung

Vereinzelte Industrievertreter befürchten,, dass Menschenrechtstandards in der Lieferkette einen Wettbewerbsnachteil für deutsche Unternehmen bedeuten würde. In der Tat geht die Integration der Kernelemente mit einem zusätzlichen Zeit- und Kostenaufwand einher. Risikoanalysen entlang der eigenen Wertschöpfungskette können je nach Unternehmen komplex sein, ebenso die Planung, Umsetzung und Überwachung von menschenrechtlichen Sorgfaltsmaßnahmen.

Fakt ist jedoch auch, dass es einen unumkehrbaren Trend zur stärkeren wirtschaftlichen, ökologischen, und soziale Unternehmensverantwortung in der Lieferkette gibt, bei dem Menschenrechte eine wesentliche Rolle einnehmen. Dieser Trend zeichnet sich in den folgenden Entwicklungen ab:

• Gestiegenes finanzielle Risiko eines Reputationsschaden und einhergehendem Kundenverlusts, wenn Menschenrechtsverstöße von Medien und NGOs aufgedeckt werden,
• Strikteren Anforderungen zum Lieferkettenmanagement und der Einhaltung von Menschenrechten auf regulativer Ebene, verdeutlicht im britischen Modern Slavery Act und dem französischen Loi de Vigilance sowie Diskussionen in Ländern, wie z.B. den Niederlanden, der Schweiz und Kanada
• Die zunehmende Relevanz von Menschenrechten in ESG Benchmarks am Finanzmarkt
• Ein unternehmensinterner, wertegetriebener Druck von Arbeitnehmern, unter denen die „good governance“ der eigenen Organisation einen immer höheren Stellenwert einnimmt.

TimelineDie Zeitachse zeigt die Entwicklicklung in der internationalen Gesetzgebung und verdeutlicht den Trend zur stärkeren menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht.

So wirksam dieser Druck als Antreiber für Veränderung ist, es bestehen auch handfeste ökonomische Anreize. Die Nachfrage für fair produzierte und gehandelte Produkte wächst seit Jahren kontinuierlich. Und nachhaltiges Lieferkettenmanagement im Allgemeinen, bei dem Menschenrechte einen integralen Bestandteil ausmachen, wird zunehmend von den verschiedensten Stakeholdern wie Kunden, Konsumenten, Geschäftspartnern aber auch Investoren wertgeschätzt. Sich in der Branche von der Konkurrenz absetzen zu können, bietet somit die Möglichkeit, zusätzliche Marktsegmente zu erschließen und Zugang zu finanziellen Mitteln, sei es über Umsätze oder Investitionen, zu erhalten. Darüber hinaus können eine vertiefte Kenntnis über die Produktions- und Arbeitsbedingungen in der eigenen Wertschöpfung sowie der Aufbau nachhaltiger Lieferantenbeziehungen dazu beitragen, die Versorgungssicherheit und Qualitätskontrolle zu verbessern. Zudem gibt es spannende technologische Entwicklungen, die die menschenrechtliche Sorgfaltsprüfung effizienter gestalten können, wie z.B. Blockchain-Lösungen.

Wie wappnen Sie Ihr Unternehmen für diese Veränderungen?

Unabhängig davon, ob der NAP als Gesetz festgeschrieben wird oder nicht: es ist für Unternehmen ratsam, sich bereits jetzt auf stärkere menschenrechtliche Sorgfaltspflichten einzustellen und sich für die Zukunft zu wappnen. Doch wie gelingt das? Einen one-size-fits-all– Ansatz gibt es nicht. Abhängig von Ihrem Unternehmen und dessen Branche gibt es verschiedene Möglichkeiten, an die menschenrechtlichen Herausforderungen in der Lieferkette heranzutreten.

1. Bestandsaufnahme: Wo stehen wir und wo müssen wir hin?

Von grundlegender Bedeutung ist zunächst, eine Bestandsaufnahme durchzuführen: welche Menschenrechte können durch unser Geschäftsmodel beeinträchtigt werden? Wie positionieren wir uns derzeit zu Menschenrechte und haben wir bereits eine Policy erarbeitet? Damit verbunden ist eine Analyse der sogenannten „Salient Issues“, also der wesentlichen Menschenrechtsrisiken für das entsprechende Geschäftsmodel sowie eine Überprüfung der internen Monitoringsprozesse hinsichtlich ihrer Effektivität, tatsächliche und potenzielle Menschenrechtsverletzungen zu erfassen. Gibt es noch keine Policy, sollte diese erarbeitet werden, ebenso wie Maßnahmen zur Integration in bestehende Kontrollmechanismen, wie z.B. das Risiko-, Lieferketten- oder Compliance Management.

Heatmap: Die Kategorisierung der identifizierten Menschenrechtsrisiken in ihren Schweregrad und Wahrscheinlichkeit kann abschließend visualisiert werden und trägt zur zielgerichteten Steuerung des Risikomanagements bei. 

2. Risikoanalyse: Wo genau liegen die Risiken?

Für viele Unternehmen ist es derzeit noch eine große Herausforderung, ein robustes Monitoring entlang der eigenen Wertschöpfungskette aufzubauen. Insbesondere da das Unternehmensumfeld oftmals komplex und die Geschäftstätigkeit global ist.

Dies bedeutet, dass international agierende Unternehmen Einblick in ihre eigenen Prozesse und ihre Lieferketten gewinnen müssen. Eine genaue Kategorisierung der Zulieferer ist hierbei ein erster Schritt, um menschenrechtliche Risiken verorten zu können. Als internationales Vorbild gilt hier der Sportartikelhersteller Adidas, der auf Basis einer Risikoanalyse Zulieferer monitort, die Häufigkeit von Audits bestimmt und Präventionsstrategien entwickelt.

3. Mitigation: Wie gehen wir mit Verstößen um?

Um auf trotzdem eintretende Verstöße frühzeitig reagieren zu können, sind transparente Beschwerdemechanismen notwendig, die bestenfalls gemeinsam mit externen Stakeholdern erarbeitet wurden. Diese bieten nicht nur den Beschwerdeträgern einen Mehrwert, sondern liefern dem Unternehmen auch ein Frühwarnsystem für menschenrechtliche Risiken. Außerdem sollten konkrete Maßnahmen zur Beseitigung von Verstößen festgelegt und verfolgt werden, z.B. in konkreten Corrective Action Plans mit betreffenden Standorten oder Lieferanten.

4. Kommunikation: Transparenz zum aktuellen Stand und zukünftigen Schritten schaffen

Zuletzt stellt sich die Frage, wie Aktivitäten und Fortschritte kommuniziert werden. Dabei ist zu beachten, dass das Menschenrechts-Monitoring zunehmend Einzug in die Berichterstattung findet. Bereits im CSR-RUG sind Menschenrechte aufgenommen, jedoch ermöglicht der „Explain or Comply“-Ansatz eine Verweigerung der Auskunft, sofern Menschenrechte als nicht für das Unternehmensgeschäft relevant erklärt werden. Grundsätzlich gilt zu beachten, dass keine neuen Strukturen und Prozesse für das Management oder die Berichterstattung geschaffen werden müssen, sondern dass Themen in bestehende Prozesse integriert werden, wie etwa ins Risikomanagement, den Einkauf oder das Controlling.

Der Weg ist lang, komplex – und lohnenswert

Die aufzeigten Ausgangspunkte belegen, dass mit Arbeits- und Kostenaufwand gerechnet werden muss. Entscheidend für den zu erbringenden Aufwand ist jedoch in jedem Fall das Ambitionsniveau des Unternehmens: wollen Sie die rechtlichen Anforderungen erfüllen oder darüber hinausgehen und eine Vorreiterrolle einnehmen? Grundsätzlich gilt dabei die Maxime: jeder jetzt getätigte Schritt, ist einer weniger in der Zukunft – und womöglich einer vor der Konkurrenz.

Unternehmen stehen bislang vor der Frage, wie Sie mit diesem eher einschüchternden Thema und dem zusätzlichen Aufwand umgehen sollen, nicht zuletzt aufgrund der mangelnden Gewissheit bezüglich der zukünftigen Gesetzgebung. Doch Experten gehen zunehmend davon aus, dass die Bundesregierung ein Menschenrechtsgesetz – unabhängig vom Ausgang des Monitorings – auf den Weg bringen wird. In welcher Form ist bislang unklar. Doch für Unternehmen gibt es bereits ausreichend Anhaltspunkte, die Folgen zu antizipieren – und sich für die Zukunft zu wappnen.

Autor: Moritz Harzenetter, Mitarbeit: Lena Hülsmann

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